Mittwoch, 22. Juli 2009
#1: Erste Auflockerungsübung: Die Calvin-Klein-Unterhose


Zu Körper geronnener Sex. Freddie Ljungberg hat es sich auf den weißen Laken bequem gemacht. Erwartungsvoll und neckend blickt er uns mit seinen mandelförmigen, dunklen Augen an. Man kann sich kaum abwenden. Augen, die keinen Widerspruch dulden. Der Blick, umrahmt von scharf geschnittenen Wangen, dominiert das Foto. Ist es eine Einladung oder ein Befehl? In jedem Fall fordert der Blick etwas von uns. Jede Faser des durchtrainierten Körpers strahlt völlige Selbstsicherheit aus. Wer hält länger Stand: der Betrachter oder der Betrachtete? Die Hände hinter dem Kopf verschränkt, zerren diese am T-Shirt, das Ljungberg wohl gerade ausgezogen hat. Eine Demonstration von Stärke, von Macht. Der ganze Körper liegt in leicht gespannter Lauerhaltung. Ein Schritt weiter, und man ist unwiederbringlich verloren. Was auch immer gleich geschehen wird, eins ist klar: wehrlos ist der Mann nicht. Er wird erbittert Widerstand leisten, wenn es sein muss.

Farblich dominieren leichtes Grau und helles Weiß. Ein Weichzeichner rundet die eckigen Kanten des männlichen Körpers etwas ab. Das Bild schwankt damit zwischen Weichheit und Härte, zwischen Lässigkeit und Anspannung. Von hartem Schwarz sind nur jene kleinen Zeichen, welche die Männlichkeit Ljungbergs unterstreichen: die Stoppeln des Dreitagbartes, die Achselhaare, die Brauen, die kurzrasierten Kopfhaare, der Bauchnabel, der flaumige Haaransatz an den Beinen, die winzigen kreisrunden Brustwarzen. In der gesamten Anlage des Fotos sind dies kleine Details. Insgesamt wirkt Ljungberg nicht kerlhaft kernig, sondern jungenhaft leicht. Viel Licht und wenig Schatten.

Die Farbkomposition ergibt eine raffinierte Blickführung. Durch die eingenommene Pose ist der gesamte Körper der Kamera entgegengestreckt, so dass er sich nahezu ungehindert dem Blick des Betrachters darbietet. Zwar beherrscht das dem Betrachter zugewandte Gesicht eindeutig die gesamte Szenerie. Doch wird durch andere optische Achsen der Blick vom Gesicht auf die Unterhose gelenkt, deren strahlendes Weiß mit diesem in heftige Konkurrenz tritt. Die dunkle Kerbe, die von der Mitte des Schlüsselbeines über den Bauchnabel zum Bund der Unterhose führt, bildet eine Landebahn für die Finger, die langsam über die feste Haut gleiten. Schließlich sieht man auch mit den Händen, nicht nur mit den Augen. Der Hosenbund teilt den Körper in verschiedene Zonen auf. Wie das pfeilförmige Tattoo zeigt auch dieses Band die Richtung an, von der die Erlösung unserer erotischen Spannung zu erwarten ist. Es entsteht ein gefährliches Grenzgebiet. Wie ein einladendes Warnschild hält es uns davon ab, auch den letzten Rest des fremden Körpers in Besitz schauend zu nehmen. Letzte Barriere auf dem Weg zu jauchzender und ächzender Lust. Wie eine weiße Leinwand verbirgt der feine Stoff sein Geheimnis. Eng und seidenleicht liegt er auf der körperlichen Landschaft. Dem Blick entzogen deutet er erregende Berge und Täler an. Eine Projektionsfläche der Phantasie, die den Stoff mühelos durchdringt und im Tagtraum das verbotene Fleisch berührt.

Das interessante an dieser Werbephotographie ist, dass das Produkt scheinbar zweitrangig wird. In der räumlichen Komposition steht es fast an der Peripherie, während der Oberkörper das linke vordere Drittel ausfüllt. Die Inszenierung sorgt jedoch dafür, dass der Blick vom Körper unweigerlich zum Kleidungsstück führt. Dadurch werden Körper und Unterhose emotional miteinander verknüpft. Die Erotik des Körpers geht auf die Unterhose über. Der Stoff saugt das Versprechen auf Sex förmlich in sich auf. Auf dieser Weise konstituiert sich eine sonderbare Seherfahrung: die Distanz des Mediums erlaubt zwar einerseits, einem ungehinderten Voyeurismus zu frönen, doch fühlt man sich andererseits durch den Ljungbergs Blick dabei immer ein wenig ertappt. Es ist dieses Spiel aus Scham und Schamlosigkeit, wodurch die sexuelle Lust in der Schwebe bleibt und sich nicht völlig Bahn brechen kann.

Insofern ist das Foto auch als erotisch und nicht als pornographisch zu charakterisieren. Es lebt von Andeutung und Versprechen, nicht jedoch vom tatsächlich ausgeführten Akt. Das Foto bietet zwar zu genüge nackte Tatsachen. Doch das eigentliche Zentrum bleibt verdeckt. Wie bei einem verpackten Geschenk erregt die Verhüllung eine große Vorlust. Man will wissen, was sich hinter der Verpackung verbirgt. Das löst innere Unruhe und Anspannung aus. Diese erotische Lust steht auf der Schwelle zwischen Alltag und Akt. Diese vermittelnde Position ist ein wesentlicher Grund, warum die alten Griechen Gott Eros meist mit Flügeln dargestellt haben. Eros ist der Führer aus der alltäglichen Welt die Welt der Lüste und Begierden. Ohne den geflügelten Eros würde es vermutlich nie zum sexuellen Akt kommen, weil wir erst durch seine gefiederte Hilfe bereit sind, die Grenzen des fremden Körpers zu überschreiten. Und, wie wir aus unserer übrigen Alltagserfahrung wissen, sind diese Grenzen in der Regel sehr mächtige und massive.

Das Bild besetzt unsere Wünsche, Vorstellungen und Erinnerungen. Die Fähigkeit zu unendlicher Reproduktion erlaubt, dass nahezu jeder in den Besitz dieser Fotografie kommen kann. Je häufiger wir bestimmte Bilder sehen, desto mehr werden sie zu Normalität. Sie werden vertraute Freunde. Dadurch erst können wir Ljungberg so nahe kommen. Aus dem Reich des Irrealen werden solche Bilder zu manifesten Wünschen, die bisweilen unser alltägliches Handeln beeinflussen können. Männer wie Freddie Ljungberg werden zu Idealtypen von Männlichkeit an sich erhoben, an denen wir uns selbst und andere zunehmend messen.

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Die Geschichte der Calvin-Klein-Unterhose ist eine unglaubliche Erfolgsstory. Fernab vom Gedanken, hier Werbung machen zu wollen, muss man diese einmalige Leistung dennoch honorieren. Kaum eine andere Marken-Unterwäsche wurde in den letzten 20 Jahren so oft verkauft und hat solch einen Mythos um sich entfaltet. Man darf daher mit Fug und Recht behaupten, dass sie ein Stück unserer Kultur darstellt. In den 1980ern und 1990ern war es etwa durchaus üblich, in Küchen junger Leute Werbeposter für CK-Produkte zu finden: sei es für die Unterwäsche, die Jeans oder die Parfums. Typisch war dabei immer das edle Grauweiß, was in seiner Zwittrigkeit hervorragend zum Gedanken von Unisex-Mode passte, wie er damals en vogue war, zum Beispiel Parfums, die gleichermaßen von Männern wie Frauen benutzt werden konnten.

Und selbst wenn man dem Markenwahn der 1980er und 1990er Jahren kritisch gegenüberstand, gab es immer noch die ironisch anerkennende „Kermit Clein“-Variante: das Poster zeigt den wohl berühmtesten Frosch und Schweineliebhaber der Welt mit einem frechen, weit aus der Hose herausragenden Stück weißer Unterwäsche. Dabei verkehrt der Name die Initialen des Modeschöpfers.



Der verlängerte Unterhosenbund, der fast zum Bauchnabel reicht und auf dem der Firmenname „Calvin Klein“ prangt, gehört zu einem wesentlichen Kennzeichen dieser Marke. Solches „Branding“ ist typisch für die Modegroßkonzerne der letzten 20 Jahre. Auf diese Weise wird der Träger selbst zu einer Werbefläche und verbreitet und verfestigt solcherart die Bekanntheit und den Mythos der Marke. Dieses Bändchen ist es, das eine regelrechte Revolution in der Herrenmode ausgelöst hat, die ich durchaus auch als eine kleine soziale Umwälzung betrachten würde. Durch diese Verlängerung bekommt die Unterhose mehr Präsenz als die darüber liegende Jeans. Er wird zu einem Signal, das den Blick sofort nach unten, zwischen die Beine und auf den Hintern zieht: Hier geht’s lang. Es ist kaum möglich, sich dieser Sogwirkung zu entziehen. Der männliche Körper wird sexualisiert und in gewisser Hinsicht auch auf diese Körperteile reduziert. Das ist ein sehr typisches Phänomen der Mode unserer Zeit. Kleidung ist heute oft keine Verhüllung mehr, sondern verstärkt die sexuellen Reize, gibt ein sexuelles Versprechen. Die Unterhose liegt eng am Körper an. Der Stoff ist luftig und leicht. Er passt sich perfekt an sein Objekt an und betont die Form, besonders den Apfelhintern und das vordere Paket, die sich als einladende und vielversprechende Rundungen deutlich vom übrigen Körper abheben.

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Die Calvin-Klein-Unterhose hat damit einen großen Beitrag zur Erotisierung des männlichen Körpers geleistet. Auch die Verwendung männlicher Models hat ihren Anteil daran. Zwar war Calvin Klein nicht der erste Modeschöpfer, der seine Produkte für Männer auch tatsächlich mit erotischen Männern inszenierte, doch ist es ihm immer wieder gelungen, einen bestimmten Männertyp als neues Leitbild zu propagieren. Dadurch hat er einen Beitrag dazu geleistet, den Männerkörper zu seinem Sexobjekt zu stilisieren, wie es bereits weitaus länger der Frauenkörper gewesen war. Eine Veränderung, die durchaus auch fragwürdig ist, sehen sich doch Männer damit zunehmend ähnlich überzogenen Erwartungen an den Körper konfrontiert, wie sie Frauen schon seit längerer Zeit ertragen müssen. Immer mehr Männer versuchen, dem durch die Modeindustrie propagierten Image zu entsprechen. Umgekehrt wird es als Scheitern und Defizit verstanden, diesem Körperbild nicht zu entsprechen. An dieser Etablierung arbeiten im Übrigen auch Frauen mit, die, emanzipiert und selbstbewusst, diese Wunschbilder auf ihre möglichen und tatsächlichen Partner übertragen.

Darüber hinaus ist Calvin Klein das Kunststück gelungen, die inszenierte Erotik seiner Modelle auf das Produkt zu übertragen. Wenn ich dieselbe Unterhose wie Ljungberg trage, werde ich genauso attraktiv wie er werden. Wenigstens ein wenig seiner Erotik wird, vermittelt durch das gleiche Tuch, auf mich übergehen. Das mag, in Worte gefasst, irrational und unsinnig erscheinen, funktioniert aber in unserem Alltag tadellos. In der Kulturtheorie nennt man so ein Verhalten Fetischismus. Bestimmte Eigenschaften des Lebendigen werden auf einen toten Gegenstand übertragen, der diese wie eine Art Energie in sich aufnimmt. Berührt man diesen „Fetisch“ geht seine Energie auf einen selbst über und man verwandelt sich entsprechend der gespeicherten Eigenschaften.

Diese Eigenschaften haben in der Regel nichts mit der Materie des Fetischs selbst zu tun. Sie kommen meistens von außen auf diesen zu. Damit die Verbindung zwischen Fetisch und Zuschreibungen aber möglichst eng werden, versucht man in der Regel, den Fetisch dem Wunschobjekt anzugleichen. Dadurch wird er zu einem Repräsentanten dieses Zustandes oder dieser Eigenschaft. In unserem Fall trifft das insofern zu, als dass man hofft, sich durch das Tragen der Unterwäsche den Eigenschaften des Models anzuähneln. Diese Verbindung von sexueller Attraktivität und Kleidung kann sich dabei zunehmend vom konkreten Model lösen und verselbständigen. Insbesondere der französische Philosoph Roland Barthes hat solche Vorgänge untersucht. Darauf werde ich hier nicht genauer eingehen. Entscheidend ist nur, dass Barthes aufzeigt, dass es dabei zu einer Zuschreibung von Eigenschaften auf sekundärer Ebene kommt, die er als den „Mythos“ dieses Alltagsgegenstandes bezeichnet. Dieser Mythos entsteht zum Beispiel durch eine Geschichte, welche die Massenmedien über eine Person oder einen Gegenstand verbreiten. Dadurch entsteht eine neue Bedeutung, die gewissermaßen frei über dem Gegenstand schwebt und zunehmend seinen ursprünglichen Sinn verdrängt. Dann kann passieren, dass wir den Gegenstand mit seinem Mythos zu verwechseln. In unserem Falle wird das Kleidungsstück mit einem Versprechen auf sexuelle Attraktivität und Erfüllung aufgeladen, das mit ihm selbst nur wenig zu tun hat.

Dennoch möchte ich betonen, dass die Beziehung zwischen Objekt und Mythos nicht immer, wie Barthes suggeriert, keinerlei Beziehung zueinander haben. Die „Materie“ der Calvin-Klein-Unterhose unterstützt ihren Mythos: Schnitt, Passform, verlängerter Bund erotisieren den Körper ja tatsächlich, unabhängig von der darauf aufbauenden massenmedialen Inszenierung. Diese spielt bei der Bedeutungserzeugung der Marke eine große Rolle. Dadurch kann schließlich, als letzte Konsequenz, allein durch Nennung des Namens und Zeigens des Logos die erwünschte Emotion ausgelöst werden. Kein Wunder also, wenn sich einige Leute mittlerweile ihr Lieblingslogo in die Haut tätowieren lassen. Wörtlicher kann man „Branding“ kaum nehmen. In diesem Sinne sind wir konditionierte Pawlow‘sche Hunde, denen sabbernd das Wasser im Munde zusammenläuft, sobald das richtige Glöckchen bimmelt.

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Natürlich erfüllt die Unterhose auch einen rein praktischen Zweck. Sie schützt die Schamgegend vor dem oft raueren Stoff der Hose und sorgt dafür, dass nicht alles frei baumelt, sondern eine feste pole position einnimmt. Erstaunlich ist jedoch, dass es sich um ein verhältnismäßig junges Kleidungsstück handelt. Die heutige Unterhose entwickelte sich wohl aus der mittelalterlichen brouche, eine Art sehr weiter, langen Unterhose mit Gürtel. Frauen trugen übrigens bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts gar keine Unterhose. Erst etwa ab 1805 gab es die ersten "Beinkleider" für Damen, die bis unters Knie oder bis an die Knöchel reichten und weit geschnitten waren. Sie waren aus Leinen oder Baumwolle und im Schritt offen; also durchaus keine erotischen Objekte. Nach 1840 war die Unterhose für eine Dame Pflicht; die unteren Schichten gingen jedoch weiterhin "unten ohne". Was sicherlich auch die Problematik des Rocks in dieser Zeit erhellt. Griff ein Mann unter ihn, war er schon da, wo er hinwollte, aber vielleicht nicht sein sollte. So könnte man sagen, dass das Tragen der Unterhose eigentümlicher Weise ein Teil der Geschichte der Emanzipation der Frau gewesen ist.
Mit der Zeit wurde die männliche brouche immer enger und kürzer. Im 14. Jahrhundert etablierte sich beim Adel dann die sogenannte „Schamkapsel“: auf Höhe des Hosenlatzes wurde die männliche Scham mit einer Art Polster versehen, das sich oft sogar noch farblich von der übrigen Hose unterschied und manchmal zusätzlich mit Bändern und Schleifen geschmückt war. Daraus entwickelte sich gegen Ende des 15. Jahrhunderts die sogenannte braguette oder auch brayette, eine Art Suspensorium, das sich zum Urinieren oder Reiten leicht abnehmen ließ. Auf bildlichen Darstellungen Heinrichs VIII. ist sie oft als Erhebung in der Lendengegend zu sehen. Es ging darum, männliche Potenz zu betonen und damit die eigene Machtposition zu unterstreichen. Damals galt James Browns Liedzeile „This is a man’s world” noch viel mehr als heute. Macht war (und ist teilweise noch immer) rein männlich konnotiert und auf den Phallus zentriert. Ironie der Geschichte, dass auf den allzeit bereiten Heinrich ausgerechnet die jungfräuliche Elisabeth folgen sollte.



Die Betonung des Genitalbereichs durch die Schamkapsel wurde scharf von der Kirche verurteilt. Doch erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts verschwand sie endgültig vom Hof. Erst mit dem 18. Jahrhundert beginnt das Zeitalter der Prüderie. Nur noch der Frau, dem „schönen Geschlecht“ sollte es nunmehr erlaubt sein, ihre Reize öffentlich zur Schau zu stellen. Es ist insofern ein weitverbreiteter Irrtum zu glauben, das Mittelalter und die frühe Neuzeit seien per se lustfeindlich gewesen. Tatsächlich ist Prüderie erst eine Erfindung des 18. und 19. Jahrhunderts.

Solche unterstützenden Hilfsmittel wie die braguette sind heute eher verpönt. Zwar kennt jeder den sprichwörtlichen Notbehelf der Socke, die man sich in die Unterhose stopft, um der Natur nachzuhelfen. Eine historische Konstante scheint dagegen die Verbindung von Größe mit sexueller Lust zu sein. Möglich, dass es sich dabei um eine ausschließlich männliche Vorstellung handelt, obgleich ich aus Gesprächen mit Frauen davon ausgehen möchte, dass sie auch unter diesen weit verbreitet ist. Die Rundung im Beutel macht Lust auf mehr. It’s all about the buldge. Ljungberg wird sich schon des Öfteren bei der Natur für ihr Geschenk bedankt hat.

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The Daily Sexoscope - Einleitung


„The more I think about sex, the better it gets“
Kate Bush: Symphony in Blue

Sex. Kaum etwas anderes erregt unsere Aufmerksamkeit so sehr wie diese drei kleinen Buchstaben. So viele Mythen, so viel Bedeutung ranken sich um ihn. Manche glauben, er sei das geheime Zentrum unseres Lebens, andere fürchten ihn und versuchen, ihm so weit als möglich aus dem Weg zu gehen. Er umgibt uns, wohin wir auch blicken. Jeder von uns ist mit ihm vertraut oder gerade dabei, Bekanntschaft mit ihm zu machen: zuhause, im Wohnwagen, im Wald, im Aufzug. Als Quickie im Büro und als langes ausgedehntes Liebesspiel im heimischen Schlafzimmer. Allein, zu zweit, zu dritt, in einer Gruppe. Ein aufregendes Spiel zwischen erwachsenen Menschen, das man überall und jederzeit spielen kann. Denn das dazu nötige Spielgerät tragen wir ständig bei uns.

Kaum jemand möchte Sex in seinem Leben missen, nachdem er oder sie ihn entdeckt haben. Eine Ausnahme bildet die Gruppe der Asexuellen, die ein vermindertes bis nicht vorhandenes Bedürfnis nach körperlicher Vereinigung verspüren, aber dennoch zufrieden sind. Auch so etwas seltsames: Sex muss erst entdeckt werden. Danach aber wird er ein bald geliebter, bald lästiger Gast. Wo auch immer wir sein mögen, der Sex ist immer schon da und lächelt uns verwegen an. Er führt uns zu extremsten, aber auch intensivsten und schönsten Erfahrungen. Durch ihn können wir dem Gefängnis unseres Selbst, unseres Körpers wenigstens für einen Augenblick entrinnen. Er ist ein Grundbedürfnis wie Essen, Trinken und Schlafen. Wie beim Schlaf ist auch sein Reich zumeist die Nacht. Überhaupt hat er mit dem Schlaf viel gemein, die beide wiederum mit dem Tod verwandt sind. Nicht zuletzt deshalb nennen die Franzosen den Orgasmus auch „le petit mort“, den kleinen Tod. Wie sein großer Bruder geleitet der Sex uns zu jenem anderen Zustand, in dem wir mehr mit den leblosen Dingen gemein haben als mit dem bewussten rationalen Wesen, das wir in unserem übrigen Leben sind.

Der Sex muss sich aber nicht auf die Nacht allein beschränken. Im Gegenteil macht es ihm Spaß, Regeln zu übertreten. Überhaupt ist er dem Verbotenen immer nahe. Ein Schelm, der oft genug erst in der Überschreitung des Gesellschaftlichen seine volle Lust entfaltet. Eine Lust, die Menschen zu verbinden vermag – was aber nicht notwendig so sein muss. Eigentümlicher Weise kann es gerade diese Lust sein, die Menschen trennt. In der innigen Umarmung, den heißen Küssen und der mechanischen Vereinigung der Sexualorgane erfahren wir eine seltsame Gleichzeitigkeit von nächster Nähe, die aus zwei (oder mehr) Körpern eine Einheit stiftet und zugleich doch immer nur ein Erlebnis des einen eigenen Körpers bleiben kann. Vollständige Öffnung und Erweiterung gehen mit einer vollständigen Abgeschlossenheit und Amputation Hand in Hand. Auch sind sexuelle Handlungen, sofern sie sich auf einen anderen Körper richten, zugleich empathisch und altruistisch, aber auch selbstbezüglich und egoistisch. Wie bei kaum einem anderen Gut ist Sex für jeden erhältlich und doch zugleich ungleich verteilt. Irgendwie scheint er immer Mangelware zu sein. Für diese MAngelware Sex werden sogar grausigste Verbrechen verübt - teils, weil der Täter sich seine Lust nicht anders zu verschaffen weiß, teils, weil erst die grauenvolle Tat die Lust erzeugt. Aber am schönsten ist er doch eigentlich nur, wenn alle Beteiligten ihn aus freien Stücken heraus wollen. Ohne ihn würde alles menschliche Leben enden – zumindest beim derzeitigen Stand der Reproduktionstechnik.

Und wenn man einmal ausnahmsweise Werbe- und Marketingleuten Glauben schenken darf, kann man mit Sex auch so ziemlich alles verkaufen. Von allen Plakaten, aus allen Werbesendungen und auf den Titelblättern der Hochglanzmagazine lächeln sie uns an, die aufreizenden Modells und sexy Schauspieler. Überhaupt dominiert in der schillernden Welt der Promis und Stars der kategorische Imperativ des Sex: handele stets so, dass dein Handeln sexy aussieht. Der Wert des Handelns wird an seiner Qualität bewertet, Begehren zu erwecken. Viele heutige Musikvideos leben von dieser einfachen Faustregel. Die Körper ordnen sich der Macht des „Königs Sex“ unter: sie werden so stilisiert, dass sie schon beim oberflächlichsten Blick Sexualität kommunizieren: durchtrainiert, fettlos, geschminkt, braungebrannt, ultraweiße Zahnreihen, lebreizender Augenaufschlag, Kleidung, die so knapp ist, dass sie kaum noch eine pfenniggroße Projektionsfläche für feuchte Tagträume lässt.

Nein, es ist oft genug eine erschreckend platte Sexualität, die uns von der Mattscheibe zuströmt. Laszive Tänzerinnen räkeln sich in knappen Höschen vor blank polierten Automobilen und machen dabei so mancher Hafendirne ernsthafte Konkurrenz. Porno, so hört man immer wieder, ist der neue Chic. Das Schlüpfrige und Unverhüllte hat nacheinander die Literatur, die Photographie und den Mainstream-Film erobert. In Berlin kann man in Clubs immer häufiger beobachten, wie pornographische Filme aus rein dekorativen Zwecken an Wände projiziert werden. Teilweise ist auch das nicht mehr nötig, und die Gäste selbst frönen frei ihren Lüsten und tragen so in Form von tableaux vivants ihren Teil zum allgemeinen Bühnenbild bei. So manches Internet-Blinddate wäre ohne eine offene Zurschaustellung der eigenen sexuellen Attribute nie zustande gekommen. What you see is what you get. Die Wunsch- und Traumbilder der Pornographie haben heute einen starken Einfluss darauf, wie wir unsere eigene Sexualität erfahren und leben wollen. Das Kuriose bei der Normalisierung von Pornographie ist dabei eine eigentümliche Entsexualisierung des pornographischen Bildes: zunehmend reizt es uns nicht mehr sexuell, sondern wird zu einem ästhetischen Erlebnis.

Andererseits scheint Sex gerade unter jungen Leuten Mangelware zu sein. Menschen unter 30 haben heute weniger Sex als Leute zwischen 30 und 40. Das hat sicherlich auch mit dem gestiegenen Leistungsdruck in der Gesellschaft zu tun, der sich auch auf unsere Orgasmen auswirkt. Oversexed and underfucked. Es gibt sozusagen eine New Economy des Bettes. Aber möglicherweise wirkt sich auch die Allgegenwart von Sex auf unseren Appetit aus. Auch wenn unser Begehren bisweilen unerschöpflich und unendlich wirkt, kann man sich doch nicht ganz des Eindruckes erwehren, dass man auch hier übersättigt werden kann. Sex wird immer normaler und bisweilen sogar banal. Manchmal sogar bedenklich banal, wie bei den Eltern, für die es mittlerweile eine gewisse Selbstverständlichkeit ist, mit ihren Kindern zusammen Hardcore-Filme anzuschauen. Die Grenze zwischen sexueller Normalität und Verwahrlosung ist eine fließende.

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Man verstehe mich bitte nicht falsch: es geht mir nicht darum, Sex in seiner großartigen Vielfalt und Macht zu verurteilen. Im Gegenteil: im Alltag wie auch in meinem Denken verfolge ich Sexualität und ihrem unfassbaren Reichtum mit den neugierigen Augen eines Kindes. Er ist ein großartiges Geschenk dre Natur - eine große Spielwiese, auf der wir experimentieren sollten, um vielleicht auch neue Formen des Zusammenlebens zu erfinden. Immer wieder werde ich durch Gespräche mit Bekannten und Freunden, aber natürlcih durch eigene Erfahrung von den ungeahnten Möglichkeiten sexuellen Begehrens überrascht. Es zeigt sich immer wieder, wie gesellschaftliche, ja auch handfest politische Einflüsse sich auf unsere Sexualität auswirken. Die scheinbar „natürlichste Sache der Welt“ offenbart sich bei genauerem Hinsehen stets als ein Kind unserer Zeit. Sex verändert sich mit der Gesellschaft, in der er stattfindet. Die Art, wie wir ihn und damit auch ein stückweit uns selbst verstehen, kann nicht von der Kultur, in der wir leben, losgelöst werden.

Was aber heißt das? Was bedeutet Sex heute für uns? Inwiefern hilft er uns dabei, uns selbst zu erkennen, zu verstehen? Wie formt er unsere Beziehungen zu anderen Menschen? Und auch auf die Gefahr hin, dass es etwas esoterisch klingt: unsere Beziehung zum Kosmos, zu den toten und lebenden Dingen, hängt gleichfalls mit unseren sexuellen Lüsten zusammen. Zumindest, sofern die Psychoanalyse und Platon nicht völlig irren. Es lohnt sich also, über Sex durchaus ernsthafter nachzudenken – und das heißt für mich: vom Standpunkt der Philosophie aus.

Die Frage danach, was Sex uns über uns selbst sagt und wie wir ihn für ein möglichst glückliches Leben einsetzen sollten, gehört zu den Dingen, die mich am meisten an ihm faszinieren. Als Philosoph frage ich danach, was die „Wahrheit“ des Sex sein könnte. Klar, dass ich mich dem, was „Wahrheit“ hier sein soll, immer nur annähern kann. Das ist ein weitverbreiteter Konsens unter Philosophen: wir können nur versuchen, den Weg zu finden, aber die Wahrheit selbst bleibt unerreichbar fern. Allerdings genügt die Frage nach dem WEg bereits, Philosophen in teilweise haarsträubend haarspalterischen Auseinadersetzungen zu entzweien.

Was wiederum die Sexualität angeht, so verhält es sich mit der Philosophie eigentümlich seltsam. Während bestimmte Gruppen, aber auch die westlichen Gesellschaften als Ganze seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts ausgiebig mit Sexualität experimentiert haben, ist sie von der Philosophie insgesamt eher sträflich vernachlässigt worden – außer auf einem Gebiet natürlich, nämlich der Moral. Aber dort finden meist negative Auseinandersetzungen statt. Man diskutiert erlaubte und verbotene Praktiken und strebt eine Ökonomie der sexuellen Lüste an. Oft kulminiert dieses Denken in Verboten und Unterlassungen. Man sucht nach einer Form, mit dem faszinierenden wie beängstigenden Triebleben in einer möglichst beglückenden Weise umzugehen. Das sind sicherlich auch wichtige Fragen, die wir nicht vernachlässigen sollten. Hauptsächlich möchte ich hier jedoch positiv über Sex nachdenken, das heißt ich will darüber nachdenken und schreiben, was sexuelle Handlungen mit uns machen und wie wir uns mit ihrer Hilfe verändern und verstehen können , was Sex uns also über uns selbst erzählen kann – und was nicht. Dabei teile ich die heute vorherrschende Überbetonung des Sexuellen in unserer Gesellschaft nicht.

Als poststrukturalistischer und postmoderner Denker geht es mir um Vervielfältigung und Herausstellen von Unterschieden, auch wenn ich umgekehrt immer auch das Gemeinsame zwischen den Differenzen nicht vernachlässigen möchte. Was das genauer bedeutet, werde ich zu einem späteren Zeitpunkt genauer erläutern. Daher ist einer meiner wichtigsten Ausgangspunkte die Vermeidung vorschneller Vereinnahmung und Vereinheitlichung. Wer alle Erscheinungen des Lebens pseudofreudianisch auf Sex reduzieren will, begeht meiner Meinung nach einen Kardinalfehler. Wir sind zu vielen verschiedenen Lüsten fähig, von denen Sex eine wichtige, aber nicht die einzige ist. Die Lüste, die wir in der Freundschaft teilen sind andere, als diejenigen, die wir mit unseren Sexpartnern teilen. So verhält es sich auch mit gastronomischen Genüssen, sportlicher und künstlerischer Betätigung, oder den Freuden, die uns unsere Kinder jeden Tag durch ihr Lachen schenken können.

Überdrüssig bin ich indes der vielen vielen Anleitungen für und Artikel über Sex in den Massenmedien, die ihr eigenes Woher und Wozu nicht genügend reflektieren. Oft wird dort mit der platten Überzeugung aufgewartet, dass ein perfektioniertes Sexualleben ein Königsweg zum persönlichen Glück sei. Bisweilen beschleicht mich auch der Eindruck, dass die Redakteure der Meinung seien, dass dies der einzige Weg zu einem vollwertigen Leben sei. Spätestens beim Thema Asexualität wird man jedoch sehen, dass dies nicht zutrifft. Dagegen glaube ich, wir sollten versuchen, ernsthaft darüber nachzudenken, was mit uns geschieht, wenn wir Sex machen und wie es uns verändert, wie Sex unser Ich herstellt.

„Ernsthaft Nachdenken“ bedeutet für mich aber nicht, dass es hier anstrengend oder trocken zugehen soll. Es geht ja schließlich auch um eine lustvolle und spannende Thematik. Deshalb sollen die kommenden Texte nicht bloß eine nüchterne Reflektion bieten (an der werden wir allerdings nicht ganz herumkommen), sondern Geschichten und Anekdoten aus dem Leben aufgreifen und diskutieren. Das Feld, das vor uns liegt, ist gewaltig und nahezu unüberschaubar. Auf unserer gemeinsamen Entdeckungsreise können immer nur kleine Ausschnitte untersucht werden. Größtenteils werde ich dabei menen eigenen Interessen folgen, doch mich auch auf über Impulse seitens der Leserschaft freuen. Schließlich bietet das Web 2.0 die großartige Möglichkeit, eine engere Verbindung zwischen Autor und Leser zu schaffen als viele ältere Medien.

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Fürs erste habe ich folgenden vorläufigen Fahrplan durch das Reich der Sexualität entwickelt. Er bietet nur Schwerpunkte und keine strenge Chronologie, obgleich die Punkte aufeinander aufbauen:

1. Die Geburt der „Sexualität“: ein junger Begriff für ein altes Problem
2. Die Entstehung des Sex: eine kurze Naturgeschichte der sexuellen Lüste
3. Mann und Frau: Körpermythen im Kampf von Essentialismus und Konstruktivismus
4. Die Sorge um Sex I. Warum Sex immer von öffentlichem Interesse ist.
5. Die Sorge um Sex II. Warum Sex immer von individuellem Interesse ist.
6. Homosexualität: Zur „Liebe ohne Namen“
7. Homo- und Heterophobie: die Angst vor der eigenen Andersheit
8. Transsexualität: warum die Vielfalt des Lebens größer ist als unsere gesellschaftlichen Begriffe
9. Asexualität: warum Sex eben nicht der alleinige Weg zum Heil ist
10. Sex und Macht. Was Sadomasochismus uns über sexuelle Verhältnisse im allgemeinen lehren kann
11. Monogamie versus Polyamory: die Erfindung der Ehe und ihr mögliches Ende
12. PorNo oder PorYes? – Die Pornographisierung der Gesellschaft als Befreiung oder Unterdrückung?
13. „Goldenes Griechenland“? Mythen über Männer- und Frauenliebe in der Antike
14. Fetischismus: die gesellschaftlichste Form des Begehrens?
15. Internet und Sex: wie Medien unsere Sexualität verändern
16. Liebe = Sex +X? Fragmente zu einem problematischen Verhältnis

Das sind noch insgesamt sehr abstrakte Überschriften. Aber keine Angst. In meiner ab heute unregelmäßig erscheinenden Kolumne werde ich versuchen, diese schwierigen Themen an konkreten Beispielen zu diskutieren und den einen oder anderen Punkt durchaus auch auf mehrere Ausgaben verteilen. Dabei werde ich beispielsweise auch über die Bedeutung von (Calvin-Klein-)Unterwäsche, Schnurrbärte, und die Kleidungsstücke von ehemaligen Liebhabern nachdenken, die wir noch in unseren Schränken haben. Ich wünsche uns allen viel Spaß beim Nachdenken, aber natürlich auch beim Praktizieren.

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