Mittwoch, 22. Juli 2009
#1: Erste Auflockerungsübung: Die Calvin-Klein-Unterhose
mikeberlin29, 00:41h

Zu Körper geronnener Sex. Freddie Ljungberg hat es sich auf den weißen Laken bequem gemacht. Erwartungsvoll und neckend blickt er uns mit seinen mandelförmigen, dunklen Augen an. Man kann sich kaum abwenden. Augen, die keinen Widerspruch dulden. Der Blick, umrahmt von scharf geschnittenen Wangen, dominiert das Foto. Ist es eine Einladung oder ein Befehl? In jedem Fall fordert der Blick etwas von uns. Jede Faser des durchtrainierten Körpers strahlt völlige Selbstsicherheit aus. Wer hält länger Stand: der Betrachter oder der Betrachtete? Die Hände hinter dem Kopf verschränkt, zerren diese am T-Shirt, das Ljungberg wohl gerade ausgezogen hat. Eine Demonstration von Stärke, von Macht. Der ganze Körper liegt in leicht gespannter Lauerhaltung. Ein Schritt weiter, und man ist unwiederbringlich verloren. Was auch immer gleich geschehen wird, eins ist klar: wehrlos ist der Mann nicht. Er wird erbittert Widerstand leisten, wenn es sein muss.
Farblich dominieren leichtes Grau und helles Weiß. Ein Weichzeichner rundet die eckigen Kanten des männlichen Körpers etwas ab. Das Bild schwankt damit zwischen Weichheit und Härte, zwischen Lässigkeit und Anspannung. Von hartem Schwarz sind nur jene kleinen Zeichen, welche die Männlichkeit Ljungbergs unterstreichen: die Stoppeln des Dreitagbartes, die Achselhaare, die Brauen, die kurzrasierten Kopfhaare, der Bauchnabel, der flaumige Haaransatz an den Beinen, die winzigen kreisrunden Brustwarzen. In der gesamten Anlage des Fotos sind dies kleine Details. Insgesamt wirkt Ljungberg nicht kerlhaft kernig, sondern jungenhaft leicht. Viel Licht und wenig Schatten.
Die Farbkomposition ergibt eine raffinierte Blickführung. Durch die eingenommene Pose ist der gesamte Körper der Kamera entgegengestreckt, so dass er sich nahezu ungehindert dem Blick des Betrachters darbietet. Zwar beherrscht das dem Betrachter zugewandte Gesicht eindeutig die gesamte Szenerie. Doch wird durch andere optische Achsen der Blick vom Gesicht auf die Unterhose gelenkt, deren strahlendes Weiß mit diesem in heftige Konkurrenz tritt. Die dunkle Kerbe, die von der Mitte des Schlüsselbeines über den Bauchnabel zum Bund der Unterhose führt, bildet eine Landebahn für die Finger, die langsam über die feste Haut gleiten. Schließlich sieht man auch mit den Händen, nicht nur mit den Augen. Der Hosenbund teilt den Körper in verschiedene Zonen auf. Wie das pfeilförmige Tattoo zeigt auch dieses Band die Richtung an, von der die Erlösung unserer erotischen Spannung zu erwarten ist. Es entsteht ein gefährliches Grenzgebiet. Wie ein einladendes Warnschild hält es uns davon ab, auch den letzten Rest des fremden Körpers in Besitz schauend zu nehmen. Letzte Barriere auf dem Weg zu jauchzender und ächzender Lust. Wie eine weiße Leinwand verbirgt der feine Stoff sein Geheimnis. Eng und seidenleicht liegt er auf der körperlichen Landschaft. Dem Blick entzogen deutet er erregende Berge und Täler an. Eine Projektionsfläche der Phantasie, die den Stoff mühelos durchdringt und im Tagtraum das verbotene Fleisch berührt.
Das interessante an dieser Werbephotographie ist, dass das Produkt scheinbar zweitrangig wird. In der räumlichen Komposition steht es fast an der Peripherie, während der Oberkörper das linke vordere Drittel ausfüllt. Die Inszenierung sorgt jedoch dafür, dass der Blick vom Körper unweigerlich zum Kleidungsstück führt. Dadurch werden Körper und Unterhose emotional miteinander verknüpft. Die Erotik des Körpers geht auf die Unterhose über. Der Stoff saugt das Versprechen auf Sex förmlich in sich auf. Auf dieser Weise konstituiert sich eine sonderbare Seherfahrung: die Distanz des Mediums erlaubt zwar einerseits, einem ungehinderten Voyeurismus zu frönen, doch fühlt man sich andererseits durch den Ljungbergs Blick dabei immer ein wenig ertappt. Es ist dieses Spiel aus Scham und Schamlosigkeit, wodurch die sexuelle Lust in der Schwebe bleibt und sich nicht völlig Bahn brechen kann.
Insofern ist das Foto auch als erotisch und nicht als pornographisch zu charakterisieren. Es lebt von Andeutung und Versprechen, nicht jedoch vom tatsächlich ausgeführten Akt. Das Foto bietet zwar zu genüge nackte Tatsachen. Doch das eigentliche Zentrum bleibt verdeckt. Wie bei einem verpackten Geschenk erregt die Verhüllung eine große Vorlust. Man will wissen, was sich hinter der Verpackung verbirgt. Das löst innere Unruhe und Anspannung aus. Diese erotische Lust steht auf der Schwelle zwischen Alltag und Akt. Diese vermittelnde Position ist ein wesentlicher Grund, warum die alten Griechen Gott Eros meist mit Flügeln dargestellt haben. Eros ist der Führer aus der alltäglichen Welt die Welt der Lüste und Begierden. Ohne den geflügelten Eros würde es vermutlich nie zum sexuellen Akt kommen, weil wir erst durch seine gefiederte Hilfe bereit sind, die Grenzen des fremden Körpers zu überschreiten. Und, wie wir aus unserer übrigen Alltagserfahrung wissen, sind diese Grenzen in der Regel sehr mächtige und massive.
Das Bild besetzt unsere Wünsche, Vorstellungen und Erinnerungen. Die Fähigkeit zu unendlicher Reproduktion erlaubt, dass nahezu jeder in den Besitz dieser Fotografie kommen kann. Je häufiger wir bestimmte Bilder sehen, desto mehr werden sie zu Normalität. Sie werden vertraute Freunde. Dadurch erst können wir Ljungberg so nahe kommen. Aus dem Reich des Irrealen werden solche Bilder zu manifesten Wünschen, die bisweilen unser alltägliches Handeln beeinflussen können. Männer wie Freddie Ljungberg werden zu Idealtypen von Männlichkeit an sich erhoben, an denen wir uns selbst und andere zunehmend messen.
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Die Geschichte der Calvin-Klein-Unterhose ist eine unglaubliche Erfolgsstory. Fernab vom Gedanken, hier Werbung machen zu wollen, muss man diese einmalige Leistung dennoch honorieren. Kaum eine andere Marken-Unterwäsche wurde in den letzten 20 Jahren so oft verkauft und hat solch einen Mythos um sich entfaltet. Man darf daher mit Fug und Recht behaupten, dass sie ein Stück unserer Kultur darstellt. In den 1980ern und 1990ern war es etwa durchaus üblich, in Küchen junger Leute Werbeposter für CK-Produkte zu finden: sei es für die Unterwäsche, die Jeans oder die Parfums. Typisch war dabei immer das edle Grauweiß, was in seiner Zwittrigkeit hervorragend zum Gedanken von Unisex-Mode passte, wie er damals en vogue war, zum Beispiel Parfums, die gleichermaßen von Männern wie Frauen benutzt werden konnten.
Und selbst wenn man dem Markenwahn der 1980er und 1990er Jahren kritisch gegenüberstand, gab es immer noch die ironisch anerkennende „Kermit Clein“-Variante: das Poster zeigt den wohl berühmtesten Frosch und Schweineliebhaber der Welt mit einem frechen, weit aus der Hose herausragenden Stück weißer Unterwäsche. Dabei verkehrt der Name die Initialen des Modeschöpfers.
Der verlängerte Unterhosenbund, der fast zum Bauchnabel reicht und auf dem der Firmenname „Calvin Klein“ prangt, gehört zu einem wesentlichen Kennzeichen dieser Marke. Solches „Branding“ ist typisch für die Modegroßkonzerne der letzten 20 Jahre. Auf diese Weise wird der Träger selbst zu einer Werbefläche und verbreitet und verfestigt solcherart die Bekanntheit und den Mythos der Marke. Dieses Bändchen ist es, das eine regelrechte Revolution in der Herrenmode ausgelöst hat, die ich durchaus auch als eine kleine soziale Umwälzung betrachten würde. Durch diese Verlängerung bekommt die Unterhose mehr Präsenz als die darüber liegende Jeans. Er wird zu einem Signal, das den Blick sofort nach unten, zwischen die Beine und auf den Hintern zieht: Hier geht’s lang. Es ist kaum möglich, sich dieser Sogwirkung zu entziehen. Der männliche Körper wird sexualisiert und in gewisser Hinsicht auch auf diese Körperteile reduziert. Das ist ein sehr typisches Phänomen der Mode unserer Zeit. Kleidung ist heute oft keine Verhüllung mehr, sondern verstärkt die sexuellen Reize, gibt ein sexuelles Versprechen. Die Unterhose liegt eng am Körper an. Der Stoff ist luftig und leicht. Er passt sich perfekt an sein Objekt an und betont die Form, besonders den Apfelhintern und das vordere Paket, die sich als einladende und vielversprechende Rundungen deutlich vom übrigen Körper abheben.
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Die Calvin-Klein-Unterhose hat damit einen großen Beitrag zur Erotisierung des männlichen Körpers geleistet. Auch die Verwendung männlicher Models hat ihren Anteil daran. Zwar war Calvin Klein nicht der erste Modeschöpfer, der seine Produkte für Männer auch tatsächlich mit erotischen Männern inszenierte, doch ist es ihm immer wieder gelungen, einen bestimmten Männertyp als neues Leitbild zu propagieren. Dadurch hat er einen Beitrag dazu geleistet, den Männerkörper zu seinem Sexobjekt zu stilisieren, wie es bereits weitaus länger der Frauenkörper gewesen war. Eine Veränderung, die durchaus auch fragwürdig ist, sehen sich doch Männer damit zunehmend ähnlich überzogenen Erwartungen an den Körper konfrontiert, wie sie Frauen schon seit längerer Zeit ertragen müssen. Immer mehr Männer versuchen, dem durch die Modeindustrie propagierten Image zu entsprechen. Umgekehrt wird es als Scheitern und Defizit verstanden, diesem Körperbild nicht zu entsprechen. An dieser Etablierung arbeiten im Übrigen auch Frauen mit, die, emanzipiert und selbstbewusst, diese Wunschbilder auf ihre möglichen und tatsächlichen Partner übertragen.
Darüber hinaus ist Calvin Klein das Kunststück gelungen, die inszenierte Erotik seiner Modelle auf das Produkt zu übertragen. Wenn ich dieselbe Unterhose wie Ljungberg trage, werde ich genauso attraktiv wie er werden. Wenigstens ein wenig seiner Erotik wird, vermittelt durch das gleiche Tuch, auf mich übergehen. Das mag, in Worte gefasst, irrational und unsinnig erscheinen, funktioniert aber in unserem Alltag tadellos. In der Kulturtheorie nennt man so ein Verhalten Fetischismus. Bestimmte Eigenschaften des Lebendigen werden auf einen toten Gegenstand übertragen, der diese wie eine Art Energie in sich aufnimmt. Berührt man diesen „Fetisch“ geht seine Energie auf einen selbst über und man verwandelt sich entsprechend der gespeicherten Eigenschaften.
Diese Eigenschaften haben in der Regel nichts mit der Materie des Fetischs selbst zu tun. Sie kommen meistens von außen auf diesen zu. Damit die Verbindung zwischen Fetisch und Zuschreibungen aber möglichst eng werden, versucht man in der Regel, den Fetisch dem Wunschobjekt anzugleichen. Dadurch wird er zu einem Repräsentanten dieses Zustandes oder dieser Eigenschaft. In unserem Fall trifft das insofern zu, als dass man hofft, sich durch das Tragen der Unterwäsche den Eigenschaften des Models anzuähneln. Diese Verbindung von sexueller Attraktivität und Kleidung kann sich dabei zunehmend vom konkreten Model lösen und verselbständigen. Insbesondere der französische Philosoph Roland Barthes hat solche Vorgänge untersucht. Darauf werde ich hier nicht genauer eingehen. Entscheidend ist nur, dass Barthes aufzeigt, dass es dabei zu einer Zuschreibung von Eigenschaften auf sekundärer Ebene kommt, die er als den „Mythos“ dieses Alltagsgegenstandes bezeichnet. Dieser Mythos entsteht zum Beispiel durch eine Geschichte, welche die Massenmedien über eine Person oder einen Gegenstand verbreiten. Dadurch entsteht eine neue Bedeutung, die gewissermaßen frei über dem Gegenstand schwebt und zunehmend seinen ursprünglichen Sinn verdrängt. Dann kann passieren, dass wir den Gegenstand mit seinem Mythos zu verwechseln. In unserem Falle wird das Kleidungsstück mit einem Versprechen auf sexuelle Attraktivität und Erfüllung aufgeladen, das mit ihm selbst nur wenig zu tun hat.
Dennoch möchte ich betonen, dass die Beziehung zwischen Objekt und Mythos nicht immer, wie Barthes suggeriert, keinerlei Beziehung zueinander haben. Die „Materie“ der Calvin-Klein-Unterhose unterstützt ihren Mythos: Schnitt, Passform, verlängerter Bund erotisieren den Körper ja tatsächlich, unabhängig von der darauf aufbauenden massenmedialen Inszenierung. Diese spielt bei der Bedeutungserzeugung der Marke eine große Rolle. Dadurch kann schließlich, als letzte Konsequenz, allein durch Nennung des Namens und Zeigens des Logos die erwünschte Emotion ausgelöst werden. Kein Wunder also, wenn sich einige Leute mittlerweile ihr Lieblingslogo in die Haut tätowieren lassen. Wörtlicher kann man „Branding“ kaum nehmen. In diesem Sinne sind wir konditionierte Pawlow‘sche Hunde, denen sabbernd das Wasser im Munde zusammenläuft, sobald das richtige Glöckchen bimmelt.
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Natürlich erfüllt die Unterhose auch einen rein praktischen Zweck. Sie schützt die Schamgegend vor dem oft raueren Stoff der Hose und sorgt dafür, dass nicht alles frei baumelt, sondern eine feste pole position einnimmt. Erstaunlich ist jedoch, dass es sich um ein verhältnismäßig junges Kleidungsstück handelt. Die heutige Unterhose entwickelte sich wohl aus der mittelalterlichen brouche, eine Art sehr weiter, langen Unterhose mit Gürtel. Frauen trugen übrigens bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts gar keine Unterhose. Erst etwa ab 1805 gab es die ersten "Beinkleider" für Damen, die bis unters Knie oder bis an die Knöchel reichten und weit geschnitten waren. Sie waren aus Leinen oder Baumwolle und im Schritt offen; also durchaus keine erotischen Objekte. Nach 1840 war die Unterhose für eine Dame Pflicht; die unteren Schichten gingen jedoch weiterhin "unten ohne". Was sicherlich auch die Problematik des Rocks in dieser Zeit erhellt. Griff ein Mann unter ihn, war er schon da, wo er hinwollte, aber vielleicht nicht sein sollte. So könnte man sagen, dass das Tragen der Unterhose eigentümlicher Weise ein Teil der Geschichte der Emanzipation der Frau gewesen ist.
Mit der Zeit wurde die männliche brouche immer enger und kürzer. Im 14. Jahrhundert etablierte sich beim Adel dann die sogenannte „Schamkapsel“: auf Höhe des Hosenlatzes wurde die männliche Scham mit einer Art Polster versehen, das sich oft sogar noch farblich von der übrigen Hose unterschied und manchmal zusätzlich mit Bändern und Schleifen geschmückt war. Daraus entwickelte sich gegen Ende des 15. Jahrhunderts die sogenannte braguette oder auch brayette, eine Art Suspensorium, das sich zum Urinieren oder Reiten leicht abnehmen ließ. Auf bildlichen Darstellungen Heinrichs VIII. ist sie oft als Erhebung in der Lendengegend zu sehen. Es ging darum, männliche Potenz zu betonen und damit die eigene Machtposition zu unterstreichen. Damals galt James Browns Liedzeile „This is a man’s world” noch viel mehr als heute. Macht war (und ist teilweise noch immer) rein männlich konnotiert und auf den Phallus zentriert. Ironie der Geschichte, dass auf den allzeit bereiten Heinrich ausgerechnet die jungfräuliche Elisabeth folgen sollte.

Die Betonung des Genitalbereichs durch die Schamkapsel wurde scharf von der Kirche verurteilt. Doch erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts verschwand sie endgültig vom Hof. Erst mit dem 18. Jahrhundert beginnt das Zeitalter der Prüderie. Nur noch der Frau, dem „schönen Geschlecht“ sollte es nunmehr erlaubt sein, ihre Reize öffentlich zur Schau zu stellen. Es ist insofern ein weitverbreiteter Irrtum zu glauben, das Mittelalter und die frühe Neuzeit seien per se lustfeindlich gewesen. Tatsächlich ist Prüderie erst eine Erfindung des 18. und 19. Jahrhunderts.
Solche unterstützenden Hilfsmittel wie die braguette sind heute eher verpönt. Zwar kennt jeder den sprichwörtlichen Notbehelf der Socke, die man sich in die Unterhose stopft, um der Natur nachzuhelfen. Eine historische Konstante scheint dagegen die Verbindung von Größe mit sexueller Lust zu sein. Möglich, dass es sich dabei um eine ausschließlich männliche Vorstellung handelt, obgleich ich aus Gesprächen mit Frauen davon ausgehen möchte, dass sie auch unter diesen weit verbreitet ist. Die Rundung im Beutel macht Lust auf mehr. It’s all about the buldge. Ljungberg wird sich schon des Öfteren bei der Natur für ihr Geschenk bedankt hat.
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