Mittwoch, 22. Juli 2009
The Daily Sexoscope - Einleitung
mikeberlin29, 00:30h

„The more I think about sex, the better it gets“
Kate Bush: Symphony in Blue
Sex. Kaum etwas anderes erregt unsere Aufmerksamkeit so sehr wie diese drei kleinen Buchstaben. So viele Mythen, so viel Bedeutung ranken sich um ihn. Manche glauben, er sei das geheime Zentrum unseres Lebens, andere fürchten ihn und versuchen, ihm so weit als möglich aus dem Weg zu gehen. Er umgibt uns, wohin wir auch blicken. Jeder von uns ist mit ihm vertraut oder gerade dabei, Bekanntschaft mit ihm zu machen: zuhause, im Wohnwagen, im Wald, im Aufzug. Als Quickie im Büro und als langes ausgedehntes Liebesspiel im heimischen Schlafzimmer. Allein, zu zweit, zu dritt, in einer Gruppe. Ein aufregendes Spiel zwischen erwachsenen Menschen, das man überall und jederzeit spielen kann. Denn das dazu nötige Spielgerät tragen wir ständig bei uns.
Kaum jemand möchte Sex in seinem Leben missen, nachdem er oder sie ihn entdeckt haben. Eine Ausnahme bildet die Gruppe der Asexuellen, die ein vermindertes bis nicht vorhandenes Bedürfnis nach körperlicher Vereinigung verspüren, aber dennoch zufrieden sind. Auch so etwas seltsames: Sex muss erst entdeckt werden. Danach aber wird er ein bald geliebter, bald lästiger Gast. Wo auch immer wir sein mögen, der Sex ist immer schon da und lächelt uns verwegen an. Er führt uns zu extremsten, aber auch intensivsten und schönsten Erfahrungen. Durch ihn können wir dem Gefängnis unseres Selbst, unseres Körpers wenigstens für einen Augenblick entrinnen. Er ist ein Grundbedürfnis wie Essen, Trinken und Schlafen. Wie beim Schlaf ist auch sein Reich zumeist die Nacht. Überhaupt hat er mit dem Schlaf viel gemein, die beide wiederum mit dem Tod verwandt sind. Nicht zuletzt deshalb nennen die Franzosen den Orgasmus auch „le petit mort“, den kleinen Tod. Wie sein großer Bruder geleitet der Sex uns zu jenem anderen Zustand, in dem wir mehr mit den leblosen Dingen gemein haben als mit dem bewussten rationalen Wesen, das wir in unserem übrigen Leben sind.
Der Sex muss sich aber nicht auf die Nacht allein beschränken. Im Gegenteil macht es ihm Spaß, Regeln zu übertreten. Überhaupt ist er dem Verbotenen immer nahe. Ein Schelm, der oft genug erst in der Überschreitung des Gesellschaftlichen seine volle Lust entfaltet. Eine Lust, die Menschen zu verbinden vermag – was aber nicht notwendig so sein muss. Eigentümlicher Weise kann es gerade diese Lust sein, die Menschen trennt. In der innigen Umarmung, den heißen Küssen und der mechanischen Vereinigung der Sexualorgane erfahren wir eine seltsame Gleichzeitigkeit von nächster Nähe, die aus zwei (oder mehr) Körpern eine Einheit stiftet und zugleich doch immer nur ein Erlebnis des einen eigenen Körpers bleiben kann. Vollständige Öffnung und Erweiterung gehen mit einer vollständigen Abgeschlossenheit und Amputation Hand in Hand. Auch sind sexuelle Handlungen, sofern sie sich auf einen anderen Körper richten, zugleich empathisch und altruistisch, aber auch selbstbezüglich und egoistisch. Wie bei kaum einem anderen Gut ist Sex für jeden erhältlich und doch zugleich ungleich verteilt. Irgendwie scheint er immer Mangelware zu sein. Für diese MAngelware Sex werden sogar grausigste Verbrechen verübt - teils, weil der Täter sich seine Lust nicht anders zu verschaffen weiß, teils, weil erst die grauenvolle Tat die Lust erzeugt. Aber am schönsten ist er doch eigentlich nur, wenn alle Beteiligten ihn aus freien Stücken heraus wollen. Ohne ihn würde alles menschliche Leben enden – zumindest beim derzeitigen Stand der Reproduktionstechnik.
Und wenn man einmal ausnahmsweise Werbe- und Marketingleuten Glauben schenken darf, kann man mit Sex auch so ziemlich alles verkaufen. Von allen Plakaten, aus allen Werbesendungen und auf den Titelblättern der Hochglanzmagazine lächeln sie uns an, die aufreizenden Modells und sexy Schauspieler. Überhaupt dominiert in der schillernden Welt der Promis und Stars der kategorische Imperativ des Sex: handele stets so, dass dein Handeln sexy aussieht. Der Wert des Handelns wird an seiner Qualität bewertet, Begehren zu erwecken. Viele heutige Musikvideos leben von dieser einfachen Faustregel. Die Körper ordnen sich der Macht des „Königs Sex“ unter: sie werden so stilisiert, dass sie schon beim oberflächlichsten Blick Sexualität kommunizieren: durchtrainiert, fettlos, geschminkt, braungebrannt, ultraweiße Zahnreihen, lebreizender Augenaufschlag, Kleidung, die so knapp ist, dass sie kaum noch eine pfenniggroße Projektionsfläche für feuchte Tagträume lässt.
Nein, es ist oft genug eine erschreckend platte Sexualität, die uns von der Mattscheibe zuströmt. Laszive Tänzerinnen räkeln sich in knappen Höschen vor blank polierten Automobilen und machen dabei so mancher Hafendirne ernsthafte Konkurrenz. Porno, so hört man immer wieder, ist der neue Chic. Das Schlüpfrige und Unverhüllte hat nacheinander die Literatur, die Photographie und den Mainstream-Film erobert. In Berlin kann man in Clubs immer häufiger beobachten, wie pornographische Filme aus rein dekorativen Zwecken an Wände projiziert werden. Teilweise ist auch das nicht mehr nötig, und die Gäste selbst frönen frei ihren Lüsten und tragen so in Form von tableaux vivants ihren Teil zum allgemeinen Bühnenbild bei. So manches Internet-Blinddate wäre ohne eine offene Zurschaustellung der eigenen sexuellen Attribute nie zustande gekommen. What you see is what you get. Die Wunsch- und Traumbilder der Pornographie haben heute einen starken Einfluss darauf, wie wir unsere eigene Sexualität erfahren und leben wollen. Das Kuriose bei der Normalisierung von Pornographie ist dabei eine eigentümliche Entsexualisierung des pornographischen Bildes: zunehmend reizt es uns nicht mehr sexuell, sondern wird zu einem ästhetischen Erlebnis.
Andererseits scheint Sex gerade unter jungen Leuten Mangelware zu sein. Menschen unter 30 haben heute weniger Sex als Leute zwischen 30 und 40. Das hat sicherlich auch mit dem gestiegenen Leistungsdruck in der Gesellschaft zu tun, der sich auch auf unsere Orgasmen auswirkt. Oversexed and underfucked. Es gibt sozusagen eine New Economy des Bettes. Aber möglicherweise wirkt sich auch die Allgegenwart von Sex auf unseren Appetit aus. Auch wenn unser Begehren bisweilen unerschöpflich und unendlich wirkt, kann man sich doch nicht ganz des Eindruckes erwehren, dass man auch hier übersättigt werden kann. Sex wird immer normaler und bisweilen sogar banal. Manchmal sogar bedenklich banal, wie bei den Eltern, für die es mittlerweile eine gewisse Selbstverständlichkeit ist, mit ihren Kindern zusammen Hardcore-Filme anzuschauen. Die Grenze zwischen sexueller Normalität und Verwahrlosung ist eine fließende.
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Man verstehe mich bitte nicht falsch: es geht mir nicht darum, Sex in seiner großartigen Vielfalt und Macht zu verurteilen. Im Gegenteil: im Alltag wie auch in meinem Denken verfolge ich Sexualität und ihrem unfassbaren Reichtum mit den neugierigen Augen eines Kindes. Er ist ein großartiges Geschenk dre Natur - eine große Spielwiese, auf der wir experimentieren sollten, um vielleicht auch neue Formen des Zusammenlebens zu erfinden. Immer wieder werde ich durch Gespräche mit Bekannten und Freunden, aber natürlcih durch eigene Erfahrung von den ungeahnten Möglichkeiten sexuellen Begehrens überrascht. Es zeigt sich immer wieder, wie gesellschaftliche, ja auch handfest politische Einflüsse sich auf unsere Sexualität auswirken. Die scheinbar „natürlichste Sache der Welt“ offenbart sich bei genauerem Hinsehen stets als ein Kind unserer Zeit. Sex verändert sich mit der Gesellschaft, in der er stattfindet. Die Art, wie wir ihn und damit auch ein stückweit uns selbst verstehen, kann nicht von der Kultur, in der wir leben, losgelöst werden.
Was aber heißt das? Was bedeutet Sex heute für uns? Inwiefern hilft er uns dabei, uns selbst zu erkennen, zu verstehen? Wie formt er unsere Beziehungen zu anderen Menschen? Und auch auf die Gefahr hin, dass es etwas esoterisch klingt: unsere Beziehung zum Kosmos, zu den toten und lebenden Dingen, hängt gleichfalls mit unseren sexuellen Lüsten zusammen. Zumindest, sofern die Psychoanalyse und Platon nicht völlig irren. Es lohnt sich also, über Sex durchaus ernsthafter nachzudenken – und das heißt für mich: vom Standpunkt der Philosophie aus.
Die Frage danach, was Sex uns über uns selbst sagt und wie wir ihn für ein möglichst glückliches Leben einsetzen sollten, gehört zu den Dingen, die mich am meisten an ihm faszinieren. Als Philosoph frage ich danach, was die „Wahrheit“ des Sex sein könnte. Klar, dass ich mich dem, was „Wahrheit“ hier sein soll, immer nur annähern kann. Das ist ein weitverbreiteter Konsens unter Philosophen: wir können nur versuchen, den Weg zu finden, aber die Wahrheit selbst bleibt unerreichbar fern. Allerdings genügt die Frage nach dem WEg bereits, Philosophen in teilweise haarsträubend haarspalterischen Auseinadersetzungen zu entzweien.
Was wiederum die Sexualität angeht, so verhält es sich mit der Philosophie eigentümlich seltsam. Während bestimmte Gruppen, aber auch die westlichen Gesellschaften als Ganze seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts ausgiebig mit Sexualität experimentiert haben, ist sie von der Philosophie insgesamt eher sträflich vernachlässigt worden – außer auf einem Gebiet natürlich, nämlich der Moral. Aber dort finden meist negative Auseinandersetzungen statt. Man diskutiert erlaubte und verbotene Praktiken und strebt eine Ökonomie der sexuellen Lüste an. Oft kulminiert dieses Denken in Verboten und Unterlassungen. Man sucht nach einer Form, mit dem faszinierenden wie beängstigenden Triebleben in einer möglichst beglückenden Weise umzugehen. Das sind sicherlich auch wichtige Fragen, die wir nicht vernachlässigen sollten. Hauptsächlich möchte ich hier jedoch positiv über Sex nachdenken, das heißt ich will darüber nachdenken und schreiben, was sexuelle Handlungen mit uns machen und wie wir uns mit ihrer Hilfe verändern und verstehen können , was Sex uns also über uns selbst erzählen kann – und was nicht. Dabei teile ich die heute vorherrschende Überbetonung des Sexuellen in unserer Gesellschaft nicht.
Als poststrukturalistischer und postmoderner Denker geht es mir um Vervielfältigung und Herausstellen von Unterschieden, auch wenn ich umgekehrt immer auch das Gemeinsame zwischen den Differenzen nicht vernachlässigen möchte. Was das genauer bedeutet, werde ich zu einem späteren Zeitpunkt genauer erläutern. Daher ist einer meiner wichtigsten Ausgangspunkte die Vermeidung vorschneller Vereinnahmung und Vereinheitlichung. Wer alle Erscheinungen des Lebens pseudofreudianisch auf Sex reduzieren will, begeht meiner Meinung nach einen Kardinalfehler. Wir sind zu vielen verschiedenen Lüsten fähig, von denen Sex eine wichtige, aber nicht die einzige ist. Die Lüste, die wir in der Freundschaft teilen sind andere, als diejenigen, die wir mit unseren Sexpartnern teilen. So verhält es sich auch mit gastronomischen Genüssen, sportlicher und künstlerischer Betätigung, oder den Freuden, die uns unsere Kinder jeden Tag durch ihr Lachen schenken können.
Überdrüssig bin ich indes der vielen vielen Anleitungen für und Artikel über Sex in den Massenmedien, die ihr eigenes Woher und Wozu nicht genügend reflektieren. Oft wird dort mit der platten Überzeugung aufgewartet, dass ein perfektioniertes Sexualleben ein Königsweg zum persönlichen Glück sei. Bisweilen beschleicht mich auch der Eindruck, dass die Redakteure der Meinung seien, dass dies der einzige Weg zu einem vollwertigen Leben sei. Spätestens beim Thema Asexualität wird man jedoch sehen, dass dies nicht zutrifft. Dagegen glaube ich, wir sollten versuchen, ernsthaft darüber nachzudenken, was mit uns geschieht, wenn wir Sex machen und wie es uns verändert, wie Sex unser Ich herstellt.
„Ernsthaft Nachdenken“ bedeutet für mich aber nicht, dass es hier anstrengend oder trocken zugehen soll. Es geht ja schließlich auch um eine lustvolle und spannende Thematik. Deshalb sollen die kommenden Texte nicht bloß eine nüchterne Reflektion bieten (an der werden wir allerdings nicht ganz herumkommen), sondern Geschichten und Anekdoten aus dem Leben aufgreifen und diskutieren. Das Feld, das vor uns liegt, ist gewaltig und nahezu unüberschaubar. Auf unserer gemeinsamen Entdeckungsreise können immer nur kleine Ausschnitte untersucht werden. Größtenteils werde ich dabei menen eigenen Interessen folgen, doch mich auch auf über Impulse seitens der Leserschaft freuen. Schließlich bietet das Web 2.0 die großartige Möglichkeit, eine engere Verbindung zwischen Autor und Leser zu schaffen als viele ältere Medien.
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Fürs erste habe ich folgenden vorläufigen Fahrplan durch das Reich der Sexualität entwickelt. Er bietet nur Schwerpunkte und keine strenge Chronologie, obgleich die Punkte aufeinander aufbauen:
1. Die Geburt der „Sexualität“: ein junger Begriff für ein altes Problem
2. Die Entstehung des Sex: eine kurze Naturgeschichte der sexuellen Lüste
3. Mann und Frau: Körpermythen im Kampf von Essentialismus und Konstruktivismus
4. Die Sorge um Sex I. Warum Sex immer von öffentlichem Interesse ist.
5. Die Sorge um Sex II. Warum Sex immer von individuellem Interesse ist.
6. Homosexualität: Zur „Liebe ohne Namen“
7. Homo- und Heterophobie: die Angst vor der eigenen Andersheit
8. Transsexualität: warum die Vielfalt des Lebens größer ist als unsere gesellschaftlichen Begriffe
9. Asexualität: warum Sex eben nicht der alleinige Weg zum Heil ist
10. Sex und Macht. Was Sadomasochismus uns über sexuelle Verhältnisse im allgemeinen lehren kann
11. Monogamie versus Polyamory: die Erfindung der Ehe und ihr mögliches Ende
12. PorNo oder PorYes? – Die Pornographisierung der Gesellschaft als Befreiung oder Unterdrückung?
13. „Goldenes Griechenland“? Mythen über Männer- und Frauenliebe in der Antike
14. Fetischismus: die gesellschaftlichste Form des Begehrens?
15. Internet und Sex: wie Medien unsere Sexualität verändern
16. Liebe = Sex +X? Fragmente zu einem problematischen Verhältnis
Das sind noch insgesamt sehr abstrakte Überschriften. Aber keine Angst. In meiner ab heute unregelmäßig erscheinenden Kolumne werde ich versuchen, diese schwierigen Themen an konkreten Beispielen zu diskutieren und den einen oder anderen Punkt durchaus auch auf mehrere Ausgaben verteilen. Dabei werde ich beispielsweise auch über die Bedeutung von (Calvin-Klein-)Unterwäsche, Schnurrbärte, und die Kleidungsstücke von ehemaligen Liebhabern nachdenken, die wir noch in unseren Schränken haben. Ich wünsche uns allen viel Spaß beim Nachdenken, aber natürlich auch beim Praktizieren.
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